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22Okt/10Off

Wenn Social Media funktioniert – Hilfe Dank Beziehungsaufbau und Authentizität

Autor des Artikels: Matias Roskos

Eine der sympathischsten Seiten zeigt Social Media, wenn Menschen anderen Menschen helfen. Ein wunderbares Beispiel dafür, wie gut Social Media tun kann, ist die "Wir haben keine Äpfel Aktion von Kirstin Walther".

Dazu muss man wissen, dass Kirstin Walther die Chefin der Kelterei Walther ist, eines Traditionsbetriebes in Sachsen. Und man muss dazu wissen, dass Kirstin Walther seit Jahren - Gefühlt ist es ein Jahrzehnt. Seit wann bist du tatsächlich im Social Web aktiv unterwegs, Kirstin? - extrem aktiv im Social Web unterwegs ist. Und das authentisch und super sympathisch. Sie hat sich so mit Hilfe des Saftblogs und als "Saft-Tante" auf Twitter wie auch mit eigener Seite auf Facebook eine treue Fangemeinde aufgebaut.

Das alles kann allerdings auch nur funktionieren, weil das Produkt, für das sie letztendlich steht, verdammt gut ist. Der Saft ist saulecker! Ich liebe ihn. Mein Favorit ist die schon fast legendäre Aronia-Beere.

Was also ist das Erfolgsgeheimnis? Ich weiß, dass Kirstin solche Artikel nicht wirklich recht sind. Ich habe mit ihr neulich lange telefoniert und gemerkt, dass sie es nicht mag, wenn Social Media auf Zahlen, auf Follower und Page Impressions reduziert wird. Und sie will auf keinen Fall, dass Social Media als reine Marketingkiste wahrgenommen wird. Ihr sind andere Dinge viel wichtiger in Sachen Social Media.

Ich hoffe, Kirstin, du verzeihst mir dennoch diesen Artikel. Ich hoffe, ich filtere die Quintessenz von Social Media, so wie du sie siehst und betreibst (und ich hoffentlich auch), gut heraus. Auch aus meiner Sicht ist Social Media kein neuer Marketing-Kanal. Social Media ist eine neue Form des sozialen Miteinander. Ein virtueller Kulturraum. In dem Marketing, also Markenbotschaften, durchaus eine Rolle spielen können und dürfen. Aber nicht allein. Andere Dinge sind wichtiger und bilden die Basis von Social Media.

Meine Frage war die nach dem Erfolgsgeheimnis der Social Media Aktivitäten der Kelterei Walther. Aus meiner Sicht sind das:

  • Authentisches und sympathisches Auftreten
    (durch die Chefin, Kirstin Walther)
  • geschicktes Befüllen der verschiedenen Social Media Kanäle von Walther's
  • viel Fleiß und Herzblut über Jahre hinweg
  • Offenheit bei Problemen
  • das richtige Fingerspitzengefühl für den Umgang mit der stetig wachsenden Fangemeinde (= Community)
  • mit Spaß bei der Sache

All dies sind die Zutaten, die Social Media für Walther's Säfte zu einem ganz wichtigen Marketing-, vor allem auch Kundenbindungs-Tool werden ließen. Aber Social Media Marketing kann auch nur funktionieren, wenn die Grundbasis - ein gutes Produkt mit überzeugendem Preis-Leistungs-Verhältnis - vorhanden ist. Erst die Mischung aus all diesen Punkten führt dann letztendlich dazu, dass Social Media wertvoll wird für eine Marke und das Unternehmen dahinter.

Walthers Saefte auf Facebook

Wie wertvoll nun Social Media als neuer Kommunikationsraum (der vielfältige Mehrwerte bieten kann, wenn man versteht geschickt und mit Geduld und Weitblick zu agieren) sein kann, zeigt sich vor allem auch in Krisenzeiten. Das wurde gerade bei Walther's extrem deutlich.

Aufgrund des eigenartigen Wetters dieses Jahr, fiel die Apfelernte in ganz Mitteleuropa extrem mies aus. Kirstin Walther schrieb dazu im Saftblog Folgendes:

Wir benötigen/verkaufen im Jahr ca. 600.000 Liter Apfelsaft. Das sind so ungefähr 750 Tonnen Äpfel. Nun ist es ja leider unmöglich, daß die Natur sich da so anpasst. 2008 zum Beispiel gab es zu viele Äpfel – 2009 eher durchschnittlich – ein bißchen zu wenig. Aber durch den Überschuß aus 2008 konnten wir 2009, also bis diesen August alles abdecken. In der Regel wechselt sich das auch immer so ab von Jahr zu Jahr, aber nun haben wir die zweite schlechte Ernte in Folge. In diesem Jahr lag es wohl zum einen daran, daß es zur Blütezeit extrem kalt war und keine Bienen unterwegs waren und durch das seltsame Wetter verschob sich alles nach hinten. Das ist die einzige kleine Hoffnung, die wir haben, daß gegen Mitte/Ende Oktober doch noch mehr reinkommt, als wie es sich jetzt andeutet. Aber es hilft eigentlich nicht nach Gründen zu suchen, weil man auf die Natur keinen Einfluß nehmen kann.
...
Nach jetzigen Berechnungen bekommen wir vielleicht 20 – 30 % an Äpfeln zusammen, die wir eigentlich brauchen. Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder wir verkaufen solange wie Vorrat da ist – das wäre ein verheerender Umsatzeinbruch, den wir nicht ohne Konsequenzen verkraften könnten. Oder wir kaufen Apfelsaft zu von anderen Fruchtsaftunternehmen.

Was auf diesen Blogbeitrag folgte, ist das Ergebnis jahrelanger, authentischer, mit viel Herzblut geführter Social Media Arbeit. Es gab annähernd 100 Tweets auf Twitter dazu, die über 85.000 Impressions auf Twitter erzeugten. Viele leiteten diesen Hilferuf auf Facebook weiter (so auch ich). Die Fangemeinde fühlte sich angesprochen, obwohl Kirstin Walther dazu nicht offen aufgefordert hatte. Sie wollte eigentlich nur vorbeugen und erklären, warum der Saft dieses Jahr nicht so sein wird wie in den Vorjahren. Doch wir - die Fans ihrer Produkte - wollten helfen.

Und so war wenig später wiederum im Saftblog zu lesen:

Als ich diesen Blogartikel (unten) gestern abend als erstes bei Facebook postete, hatte ich überhaupt keine großen Erwartungen. Es dauerte glaub ich nicht mal eine Minute und schon hatte Maik bei Facebook geteilt und Franz den Artikel bei Twitter veröffentlicht. Und plötzlich brach eine Welle los, die immer noch anhält. Ich kann einfach nicht beschreiben, wie sich das anfühlt. Man sitzt vor seinem Bildschirm mit Tränen in den Augen (vor Freude) und kommt aus dem Staunen nicht mehr raus. Inzwischen sind quasi auch schon Äpfel auf dem Weg zu uns – hier aus Dresden. Der Baum eines älteren Herren in Weixdorf, der das alleine nicht schafft, wird nächste Woche von Pierre geplündert werden und weitere folgen. Das hatte ich gehofft – aber niemals geglaubt, wie sehr Ihr uns unterstützen würdet. Sogar von ganz weit weg wollen Leute Ihre Äpfel zu uns schicken (NRW, Österreich usw.). Das ist total lieb, aber die Transportkosten und der Aufwand sind dafür einfach zu hoch. Es könnte sich lohnen, wenn irgendwo so 20 Tonnen zusammen gesammelt würden und dann mit einem großen LKW hierher kämen. Ich glaube allerdings, daß die Keltereien in anderen Gegenden Deutschlands sich dieses Jahr auch über jeden Apfel freuen. :-)

Also ich wollte mich nochmal ganz dolle bei Euch allen bedanken. Das ist alles unglaublich für mich. Der Artikel wurde bis jetzt schon fast 1000 mal angeschaut!!! Und deswegen bin ich sicher, daß da noch mehr Äpfel dazukommen. Mein Bruder, der parallel alle potentiellen größeren Lieferanten abklappert, hat mir gerade gesagt, daß wir 150.000 Liter von einer Presserei in Süddeutschland bekommen können, der fast genauso schmeckt wie unserer. Das hilft auch noch ein Stück. Und mit der Riesenunterstützung von Euch, wird bestimmt alles gut. Und wenn das alles komisch klingt, was ich schreibe… das liegt nur daran, weil das einfach alles so verrückt ist alles und ich niemals mit soviel Hilfe gerechnet hätte. Dabei wollte ich in erster Linie bescheid sagen, daß der Apfelsaft nicht so schmecken wird wie sonst und noch ein paar Äpfel mehr aus unserer Gegend versuchen zu bekommen. Ihr seid einfach unglaublich! Ganz vielen Dank für Eure Hilfe!!! Und ich bin mir ziemlich sicher, daß wir dieses Jahr das erste Mal ein Fest machen, um mit Euch gemeinsam die letzte Presse des Jahres zu feiern. So was muß einfach gefeiert werden! DANKE NOCHMAL FÜR EURE HILFE (auch schon im Voraus für alles)!!!! Ich drück Euch ganz doll. :-)

Großartig, oder? Gerade in Krisensituationen kann Social Media verdammt wertvoll sein und seine volle Kraft entfalten. Aber auch nur, wenn das Produkt um das es geht etwas taugt. Und wenn vorher echte Beziehungen aufgebaut wurden, basierend auf Authentizität, Vertrauen, Offenheit.

Sorry, Kirstin, dass du als Beispiel "herhalten" musstest, wie man es richtig macht. Ich weiß, darum geht es dir nicht.

Kirstin Walther betonte am Telefon, dass sie auch schon etliche Fehler gemacht hat in den vergangenen Jahren. Daraus aber lernen konnte.

Ja, hier wirkt die jahrelange Arbeit, die mit viel Freude, Herzblut und Engagement betrieben wurde. Social Media Schnellschüsse funktionieren nur höchst selten. Und sind bei weitem nicht so nachhaltig wie kontinuierlicher Beziehungsaufbau auf Augenhöhe. Mit und Dank Social Media.

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Autor Info's mit anzeigen Matias Roskos

Kommentare (1) Trackbacks (1)
  1. Danke, lieber Matias. Hab mich riesig gefreut über Deinen Artikel, weil ich mich drin wiederfinde. GANZ LIEBEN DANK! :-)

    Seit wann ich dabei bin? Fühlt sich für mich auch wie ein Jahrzehnt an, aber der erste Blogeintrag wurde im Januar 2006 veröffentlicht, obwohl ich schon im Frühjahr 2004 gesagt bekam, daß so ein Blog ne tolle Sache ist. Hab das damals aber alles nicht kapiert. Ausschlaggebend war der Blogstart von Frosta für mich (Sommer 2005), da konnte ich sehen wie schön Onlinedialog sein kann. Hätte allerdings nie im Leben erwartet, daß dieses Baby mal so bekannt wird.

    Ja und ich mag den Begriff „Social Media“ überhaupt nicht. Was auch immer das genau heißen soll… Es hört sich immer so an, als ob das ein neuzeitliches Phänomen wäre, was sich super zum Verkaufen eignet. Und das glaube ich eben nicht. Wenn ich schon den Begriff mal in den Mund nehme, dann versteh ich ihn eher als eine Art Werkzeug, um leichter mit anderen Menschen in Kontakt stehen zu können. Das ist das neuzeitliche. Mehr nicht. Sowas wie „Verlängerungen“ oder manchmal muß ich auch an diese Telefone denken, die wir als Kinder bastelten. Plastikbecher mit ner Schnur verbunden. Aber wenn man nix oder nur Blödsinn (Werbung ;-)) in den Plastikbecher reinredet, wird da wohl auch nichts kommen von der anderen Seite. Geredet haben Menschen (und Märkte) schon immer miteinander – so oder so – deswegen ist da überhaupt nichts neu was die Regeln angeht.

    Und das ist der Punkt, warum ich das alles so liebe und am liebsten den ganzen Tag nichts anderes machen würde – weil es so angenehm normal ist und ich so sein kann wie ich bin. Ich hasse Werbung und noch mehr hasse ich es, mich zu verkaufen. Die Fehler, die ich machte hatten damit zu tun, daß ich auf andere hörte, die zum Beispiel meinten, ich MÜSSTE mich als Unternehmerin den ganzen Tag verkaufen, einzig und allein der Profit der Firma darf in meinem Fokus sein. So ist das Geschäft und der Weg! Du hast im Kostümchen in der Firma aufzuschlagen u. wenn Du mit Leuten redest, darf Dir nichts wichtiger sein, als Deine Verkaufsbotschaft usw. Und ich hatte tierische Angst, daß die Recht haben könnten, weil die meisten es so machen. Aber sie hatten nicht Recht. Denn es funktioniert komischerweise auch umgekehrt. :-)

    Und diese viel zu späte Erkenntnis kam nur durch den Dialog mit unseren Fans, denen ich so wahnsinnig dankbar bin und oft ärgere ich mich, daß ich nicht immer schon mehr auf meinen Instinkt vertraut habe, sondern mich immer wieder von komischen Leuten verunsichern und verdrehen ließ und dafür auch Lehrgeld zahlen mußte.

    Also dieser Weg ist vorallem für mich persönlich eine absolute Bereicherung. Ich wüßte gar nicht, wie ich manchmal meinen Tag überstehen würde ohne diesen permanenten, tollen Dialog. Aber andererseits haut es mich regelmäßig aus den Latschen, wie wegen der Äpfel oben, weil ich das alles manchmal gar nicht glauben kann, was da passiert und wie geil die Leute alle sind. Der absolute Wahnsinn!!!

    So.. :-)

    Könnte gleich wieder halbe Romane schreiben… naja :-)

    Also lieben Dank nochmal und viele Grüße.