SocialNetworkStrategien Crowdsourcing, Communities, Communitymanagement und Social Media Marketing

14Feb/13Off

Hereingeschaut in einen Live-Shitstorm – Amazon.de auf Facebook

Autor des Artikels: Matias Roskos

Wer mal sehen möchte, wie ein Shitstorm in live aussieht, der kann ganz aktuell auf die Facebook-Seite von Amazon schauen. Nach dem für Amazon Deutschland ganz und gar nicht erfreulichen ARD-Beitrag geht dort jetzt die Post ab.

In der Nacht gab es keinerlei Reaktion von Amazon. Auch die Facebook-Seite war ohne Einschränkungen nutzbar. Obwohl man wusste, dass dieser TV-Beitrag kommt. Mit dem Shitstorm war also zu rechnen. Mal sehen, wann Amazon die Seite für Kommentare schließt bzw. wie reagiert wird vom Communitymanagement.

Amazon Deutschland auf Facebook

Was ein Shitstorm ist, wird hier bestens erklärt.

Mehr zum Thema Shitstorm unter anderem HIER. Und auch in einem eigenen Kapitel in meinem Buch "Social Media Communities erfolgreich nutzen".

21Jun/08Off

Crowdsourcing im Test: Mechanical Turk von Amazon

Autor des Artikels: Matias Roskos

Über die verschiedenen Ausrichtungen von Crowdsourcing hatte ich schon mehrmals geschrieben. Mal liegt der Fokus auf einer konkreten Dienstleistung, mal auf der Nutzung von Crowdsourcing als Container für virales Marketing, mal als Instrument des Suchmaschinenmarketing (SEM). Idealerweise legt der Kunde Wert auf alle drei Bausteine und nutzt damit optimal die vielfältigen Möglichkeiten von Crowdsourcing.

Der Mechanical Turk

Ein Projekt bei dem es fast ausschließlich um die gewünschte outgesourcte Dienstleistung geht, ist der Mechanical Turk von Amazon. Amazon gehört, von vielen Web 2.0 Experten und Berichterstattern fast unbemerkt, schon seit einem Jahrzehnt zu den Vorreitern im innovativen Internet. Schon früh hat man massiv Recommendation Engines (= Empfehlungsdienste) eingesetzt und damit indirekt auf die Schiene Crowdsourcing gesetzt, um den Service zu verbessern und damit die Umsätze zu steigern. Ich beschrieb diese Vorreiterrolle in einem Artikel "Ist Web 2.0 tatsächlich so neu?" für Tagesblick.

Die Plattform Mechanical Turk ging im November 2005 online. Kunden können dort einfachste Arbeitsaufgaben an die Community auslagern. Bei diesem Konzept spielt Virales Marketing kaum eine Rolle. Man will Aufgaben outsourcen, die von einer Software nicht oder nur schlecht erledigt werden können und für die man keine Praktikanten oder andere Billiglohnkräfte engagieren will. Mechanical Turk bietet die perfekte Plattform um einfachste Arbeiten die am Rechner erledigt werden können im Niedriglohnsektor abarbeiten zu lassen. Das können Bilderkennungsaufgaben, das Zuordnen von Texten, einfache Übersetzungs- und Korrekturaufgaben, Stimmerkennungsaufträge und ähnliches sein.

(Woher der Name kommt und etwas zur Geschichte von Amazons Mechanical Turk finden sie in der englischsprachigen Wikipedia.)

Im Selbsttest

Ich selbst habe diesen Prozess getestet. Mir ging es darum zu sehen, WIE einfach die Arbeiten wirklich sind und welchen Zeitaufwand sie kosten. Ich fand auch sofort einen Job, für den Deutschkenntnisse vonnöten waren. Nutzer hatten Reisebeschreibungen zu bestimmten Orten in eine Datenbank eingegeben. Ich sollte nun festlegen, ob diese Beschreibungen auf diesen allgemeinen Ort passen oder ob sie einem spezielleren Platz innerhalb eines Ortes zugeordnet werden sollten.

Beispiel: Jemand beschrieb wie schön man im Restaurant XYZ sitzt und wie gut das Essen dort ist. Die Frage war, ob die Beschreibung nun weiterhin der Stadt Budapest zugeordnet bleiben soll oder ob es einer spezielleren Zuordnung bedarf. Ich entschied dann, das der Ort zu allgemein ist. Ich konnte jedoch nirgends sagen, wie ich es verschlagworten oder wo genau ich es zuordnen würde. Zu "Restaurants" oder zu einem Stadtteil von Budapest oder zu "Ausgehtipps". Die Frage war nur: Zuordnung zur Stadt "Budapest" oder zu einem bestimmten "Ort" innerhalb von Budapest.

Die Arbeitsaufgabe war extrem einfach gehalten. Ich fühlte mich stark unterfordert. Mein zeitlicher Aufwand war dadurch extrem gering. Auch musste ich mich nicht sonderlich konzentrieren und konnte das Ganze praktisch nebenbei erledigen. Insgesamt 91 Beschreibungen konnte ich abarbeiten, die mir letztendlich 4,55 Dollar einbrachten. Und das bei 30 Minuten einfachster Arbeit. Das ist sicherlich kein Spitzenlohn, aber bei der Einfachheit der Arbeit absolut fair. 5 Cent pro Beschreibung wurden mir verrechnet.

Probleme mit der Auszahlung außerhalb der USA

Leider kann man sich bisher das Geld nicht nach Deutschland überweisen lassen. Man bräuchte ein amerikanisches Bankkonto. Darum ließ ich mir die Summe in meinem Amazon-Account als Gutschrift übertragen. Als ich dann über Amazon.de Ware ordern wollte, wurde mir diese Gutschrift jedoch nicht angezeigt. Auf Amazon.com wiederum ist sie vorhanden. Ich muss also Ware über die amerikanische Plattform bestellen, um die Gutschrift einlösen zu können. Dieser Weg ist extrem umständlich und dürfte die meisten deutschen potentiellen Interessenten abschrecken. Ich hoffe, das hier in der Zukunft Wege auch für Nicht-Amerikaner geschaffen werden um beim Mechanical Turk effektiv mitmachen zu können.

Während dem Lesen der Reviews wurde ich neugierig auf einige Orte, die dort beschrieben wurden. Obwohl Viralmarketing eigentlich kein Bestandteil von Mechanical Turk ist, hat es bei mir doch funktioniert. Mein Interesse wurde geweckt und ich suchte im Netz gezielt nach drei verschiedenen Orten um nachzulesen wo sie sind und ob man dort nicht mal Urlaub machen könnte. Also auch hier – zumindest bei mir – funktionierte Crowdsourcing als Initiator für Viralmarketing. Ungewollt.

Fazit: Gut gemacht, niedrige Löhne und dennoch lohnenswert für alle Seiten

Insgesamt war Mechanical Turk super einfach und unkompliziert zu nutzen. Die Hürden sind niedrig und die von mir eingesehenen Arbeiten von so ziemlich jedem zu erledigen, der es geschafft hat ins Internet zu gelangen.

Die Entlohnung ist beschrieben niedrig. Die Arbeiten werden in sogenannte „Hits“ (Human Intelligence Tasks) unterteilt, in kleinste Teilaufgaben. Für jeden Hit gibt es Summe X. Mal ist das 1 Cent, mal 3, mal 5 oder bei größeren Hits auch mal 5 Dollar.

Zum Beispiel suchte eine Firma Zeichnungen vom Capitol in Washington. Eine einfache Bleistiftzeichnung reichte. Eingescannt und als jpg hochgeladen hätte sie dem Zeichner 1 US-Dollar gebracht.

Nachschlag

Als ich zwei Tage später Mechanical Turk wieder besuchte, entdeckte ich sofort weitere Hits von der Firma, für die ich schon die 91 Reviews eingeordnet hatte. Zwei Tage zuvor waren dort tatsächlich nur 91 Hits ausgeschrieben mit einer Entlohnung von 5 Cent pro Hit. Zwei Tage später nun standen dort über 15.000 (!!!) Hits mit der gleichen Aufgabenstellung. Allerdings zahlten sie jetzt nur noch 2 Cent pro Hit. Das würde über 300 US-Dollar bringen, wenn man alles erledigt. Sie hatten die 91 Hits wohl als Test eingestellt. Und ich war möglicherweise zu schnell in der Erledigung der Aufgabe, so das sie den Lohn mehr als halbierten.

Bei meinen Besuchen auf der Plattform war, waren immer Hits im Wert von etwas über 2.000 Dollar zu vergeben. Das Angebot war voll, man konnte sich durch viele verschiedene Aufgaben klicken. Meist geht es um Bilderkennung oder das Einordnen von Texten und Videos.

Crowdsourcing funktioniert und schafft echte Mehrwerte

Mechanical Turk funktioniert. Es wird nun schon seit zweieinhalb Jahren genutzt. Mechanical Turk ist ein Beweis, wie effektiv man mit Crowdsourcing Mehrwerte schaffen lassen kann. Und es ist bestes Beispiel dafür, wie man mit Crowdsourcing ein funktionierendes Geschäftsmodell aufbauen kann. Amazon hats vorgemacht. Andere werden in den kommenden Jahren folgen. Erfolgreich wird jedoch nur der sein, der nicht nur eine gute und übersichtliche Software zur Verfügung stellt, sondern der es schafft genug Kunden zu aquirieren, die ihre Aufgaben dann auf dem Portal einstellen und von den Nutzern erledigen lassen. Ohne vorhandene Arbeit keine Aufgaben für die Nutzer. Der Vertrieb wird also mindestens genauso wichtig sein wie die Konzeption und die Leistung der Entwickler.